Long COVID: Studie weist bei 27 Prozent der Betroffenen Virus-RNA im Darm nach
Neue Forschungsergebnisse liefern Hinweise darauf, warum Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion über Monate oder Jahre anhalten können. Eine Preprint-Studie der University of California, San Francisco (UCSF) rückt den Magen-Darm-Trakt und eine möglicherweise unzureichende Immunantwort in den Mittelpunkt.
Persistierende SARS-CoV-2-RNA im Darmgewebe
Für die Untersuchung analysierten die Forschenden Daten und Gewebeproben von 44 Menschen mit Long COVID. Bei zwölf Teilnehmenden – rund 27 Prozent – wurden weiterhin RNA-Spuren von SARS-CoV-2 im Darmgewebe festgestellt.
In der Kontrollgruppe genesener Personen fand sich entsprechendes Virusmaterial lediglich bei einem von 13 Teilnehmenden. Der Unterschied stützt die Annahme, dass eine unvollständige Beseitigung viraler Bestandteile mit Long COVID zusammenhängen könnte.
Da die Ergebnisse bislang als Preprint veröffentlicht wurden, steht eine unabhängige wissenschaftliche Begutachtung noch aus. Zudem lässt sich aus der vergleichsweise kleinen Untersuchung noch kein eindeutiger ursächlicher Zusammenhang ableiten.
Auffällige Immunreaktion bei Long COVID
Entzündung bleibt bestehen
Die Gewebeanalysen zeigten bei einem Teil der Betroffenen eine auffällige Immunaktivität im Darm. Während entzündliche Prozesse fortbestanden, schien die Fähigkeit des Immunsystems, verbliebene Virusbestandteile zu beseitigen, eingeschränkt zu sein.
Nach Einschätzung der Forschenden könnte diese unkoordinierte Immunantwort zur Entstehung oder Aufrechterhaltung typischer Long-COVID-Symptome beitragen. Dazu zählen unter anderem anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Atembeschwerden und eine verminderte körperliche Belastbarkeit.
Die Ergebnisse passen zu der wissenschaftlich diskutierten Hypothese sogenannter Virusreservoire. Demnach könnten Virusbestandteile in bestimmten Geweben verbleiben und dort über längere Zeit Immunreaktionen auslösen. Ob es sich dabei um vermehrungsfähige Viren oder lediglich um zurückgebliebenes genetisches Material handelt, muss weiter untersucht werden.
Herkömmliche Bluttests reichen möglicherweise nicht aus
Eine zentrale Herausforderung ist die Diagnostik. Den Studienergebnissen zufolge lassen sich lokal begrenzte Immunveränderungen im Darm mit üblichen Blutuntersuchungen nicht immer zuverlässig erfassen.
Für die medizinische Versorgung ist dies besonders relevant, weil es bislang keinen einzelnen Labortest gibt, mit dem Long COVID eindeutig nachgewiesen werden kann. Die Diagnose erfolgt auch in Deutschland in der Regel anhand der Krankengeschichte, der Beschwerden und des Ausschlusses anderer Ursachen.
VIPER-Programm soll Biomarker überprüfen
Zur weiteren Untersuchung der Virus-Persistenz wurde im März 2026 das VIPER-Programm gestartet. Die Organisation PolyBio finanziert das Forschungsprojekt mit 1,35 Millionen US-Dollar.
An dem Programm sollen insgesamt 150 Personen teilnehmen: 100 Menschen mit Long COVID sowie 50 vollständig Genesene als Kontrollgruppe. Ziel ist es, Biomarker zu identifizieren und zu überprüfen, die auf verbliebene Virusbestandteile im Körper hinweisen.
Schnellere und weniger invasive Tests als Ziel
Die Forschenden wollen Verfahren entwickeln, mit denen sich eine mögliche Virus-Persistenz erkennen lässt, ohne dass dafür invasive Gewebeentnahmen erforderlich sind. Verlässliche Biomarker könnten künftig dazu beitragen, unterschiedliche Formen von Long COVID genauer voneinander abzugrenzen und Behandlungen gezielter auszuwählen.
Die UCSF-Studie liefert damit einen weiteren Erklärungsansatz für die langfristigen Folgen einer Corona-Infektion. Ob persistierende Virus-RNA tatsächlich eine entscheidende Ursache von Long COVID ist und welche Therapien daraus abgeleitet werden können, müssen größere kontrollierte Studien klären.

Hermann Hesse schreibt für die Neue Schweizer Zeitung über Politik, Wirtschaft, Technologie, Sport, Unterhaltung und Lifestyle. Er legt Wert auf klare Berichterstattung, aktuelle Themen und relevante Geschichten, die Leserinnen und Leser zuverlässig und verständlich informieren.
