Hohes digitales Wohlbefinden

Von NSZ Redaktion


Donnerstag, 14. Dezember 2017 08:59

Acht von zehn Nutzern in der Schweiz geben an, wichtige von unwichtigen Internetaktivitäten gut unterscheiden zu können. Foto: pixabay


Internetnutzerinnen und -nutzer in der Schweiz schätzen ihre Fähigkeiten im Umgang mit dem Netz mehrheitlich als gut ein.

Dies zeigt eine repräsentative Umfrage des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich zur Internetnutzung in der Schweiz.

Zeitung lesen, Ferienbilder posten oder Katzenvideos auf YouTube schauen: Verwenden kann man das Internet für viele Zwecke, bloss: Wie bewerten wir unsere Netzaktivitäten? Der digitale Überkonsum und das Gefühl, dadurch wichtigere Dinge zu versäumen, ist bei Jungen und Personen mit niedrigem Bildungsstand höher, wird aber mehrheitlich als kein grosses Problem empfunden.

Acht von zehn Nutzern (83%) in der Schweiz geben an, wichtige von unwichtigen Internetaktivitäten gut unterscheiden zu können. Drei Viertel (75%) der User glauben, gezielt auswählen zu können, welchen Personen oder Informationsquellen sie online folgen, 73% sind der Meinung, Internetdienste oder Geräte so einrichten zu können, dass sie nicht stören.

Digitaler Erwartungsdruck bei Jungen höher
Die Hälfte der Internetnutzer (50%) in der Schweiz hat das Gefühl, dass von ihnen im Alltag erwartet wird, schnell auf Nachrichten zu antworten. Der digitale Erwartungsdruck bezüglich Verfügbarkeit und Skills wird speziell von den Jungen und Hochgebildeten als stärker empfunden. Bei der Social-Media-Nutzung fühlen sich vermehrt Junge und Niedriggebildete unter Druck.

Die eigenen Internetfähigkeiten werden überwiegend (78%) als zumindest gut eingeschätzt, nur 4% bewerten diese als schlecht. Männer schätzen sich insgesamt besser ein als Frauen. «Das digitale Wohlbefinden ist in der Schweiz gross», bilanziert Michael Latzer, Professor für Medienwandel & Innovation an der Universität Zürich. Die zum vierten Mal durchgeführte und für die Schweiz repräsentative Umfrage beinhaltet neu auch Fragen zu Schwierigkeiten im alltäglichen Umgang mit dem Internet.

Neun von zehn Schweizern sind online
90 Prozent der Schweizer Bevölkerung nutzen heute das Internet. Vier von fünf Nutzerinnen und Nutzern (79%) sind auch unterwegs online. Die durchschnittliche Nutzungszeit verdoppelte sich seit 2011 und beträgt heute 25,5 Stunden pro Woche. Junge und Niedriggebildete verbringen die meiste Zeit online. Die Anzahl der Nichtnutzer halbierte sich in den vergangenen sechs Jahren. Die Hälfte der Offliner profitiert jedoch indirekt vom Internet, indem sie andere für sich recherchieren oder Aufgaben erledigen lässt. Die Zahl absoluter Nichtnutzer liegt damit in der Schweiz bei ca. 360’000 (5%).

20- bis 29-Jährige verzichten am schwersten auf Smartphone
Die Internetnutzung via Mobiltelefon wächst stärker als jene via Computer und Tablets. Praktisch alle Jungen, aber nur jeder Vierte (27%) der Altersgruppe 70+ nutzt Internet via Mobiltelefon. 20- bis 29-Jährige können am schwersten kurzzeitig auf ihr Mobiltelefon verzichten, die Jüngsten und Ältesten am leichtesten. Heim- (95%) und Arbeitsplatznutzung (72%) pendeln sich auf hohem Niveau ein, die Hälfte verwendet das Internet auch zu Hause für berufliche Zwecke.

Soziale Online-Netzwerke nutzen bereits 6 von 10 Personen (62%), 2011 waren es erst 4 (41%).Gut die Hälfte der Internetnutzer produziert eigene Online-Inhalte (51%) oder teilt Inhalte (56%). «Viele beteiligen sich damit aktiv am Gatekeeping. Sie bestimmen mit, welche Themen an die Schweizer Öffentlichkeit gelangen, und wie sie diskutiert werden», sagt Kommunikationswissenschaftler Latzer.

Jeder dritte Schweizer verkauft online
86% der Schweizer Internetnutzer suchen online nach Produktinformationen. Drei Viertel der Schweizer User (77%) kaufen online ein, wobei Reisebuchungen (66%) besonders beliebt sind. Ein Drittel (35%) verkauft auch selbst im Netz. Dienste der Sharing Economy wie Uber und Airbnb werden von 20% genutzt, 5% bieten auch selbst aktiv an.

Chatten, Internet-Telefonie und zeitversetztes TV stark gewachsen
Von den Interaktionsangeboten sind Texten/Chatten (83%) und Internet-Telefonie (67%) in den vergangenen Jahren am stärksten angestiegen – beide haben sich verdoppelt. Private (61%) und berufliche (34%) Soziale Online-Netzwerke sind weiter gewachsen und werden intensiv genutzt: Zwei Drittel der Nutzer (67%) loggen sich täglich in private Soziale Online-Netzwerke ein. Twitter wird aktiv von 8% und passiv von 15% genutzt. Bei der Unterhaltung dominieren der Musik- (69%) und Videokonsum (65%). Zeitversetztes TV (50%) stieg seit 2011 am stärksten an (plus 13 Prozentpunkte). Ein Drittel (35%) spielt online, 17% Glücksspiele und 25% geben an, erotische Inhalte zu betrachten.

Internet auch wichtigste Unterhaltungsquelle
Das Internet ist 2017 nicht nur die bedeutendste mediale Informationsquelle in der Schweiz, gefolgt von Zeitung und Fernsehen, es liegt erstmals auch für Unterhaltungszwecke auf dem ersten Platz, gleichauf mit Fernsehen. In beiden Kategorien werden jedoch persönliche Offline-Kontakte nach wie vor als weitaus wichtiger empfunden. Bei der Altersgruppe 70+ ist das Internet sowohl für Information wie auch für Unterhaltung noch immer weniger wichtig als Zeitung und Rundfunk.

Verstärkte Faktenüberprüfung
Die weltweit zunehmende Fake-News-Debatte spiegelt sich im Nutzungsverhalten wider. In der Kategorie «Information» sind die Faktenüberprüfung (78%, plus 18 Prozentpunkte seit 2011) und die Nachrichtensuche (86%, plus 11 Prozentpunkte seit 2011) in den vergangenen Jahren am stärksten gestiegen. Online-Lexika verwenden inzwischen 86% und Suchmaschinen so gut wie alle (97%).

Vertrauen in Inhalte bricht ein
«Die Enthüllungen von Snowden und die Fake-News-Vorwürfe von Populisten zeigen auch in der Schweiz Wirkung», meint Michael Latzer. «Seit 2013 ist das Vertrauen in Internetinhalte erheblich gefallen – dies in allen Altersgruppen.» Bis 2013 stuften drei Viertel der Schweizer Bevölkerung mindestens die Hälfte der Online-Inhalte als glaubwürdig ein, 2017 sind es noch 58%. Die Glaubwürdigkeit der verschiedenen Informationsanbieter wird differenziert beurteilt: SRG, Behörden und Kaufzeitungen deutlich besser als nutzergenerierte Inhalte und Soziale Online-Netzwerke.

Grosse Besorgnis um Verletzung der Privatsphäre
Jeder Zweite ist besorgt, dass Firmen (51%) oder andere Personen (46%) die Privatsphäre online verletzen. Vier von 10 Internetnutzern fürchten (39%), dass dies auch Regierungen tun. Ältere Internetnutzer sind besorgter, dass ihre Privatsphäre durch andere Menschen verletzt wird als jüngere. Die älteste Gruppe (70+) fürchtet die Verletzung der Privatsphäre durch Regierungen stärker als die übrigen Befragten.

Acht von zehn Internetnutzern (81%) in der Schweiz achten sehr auf den Schutz ihrer Privatsphäre und 44% glauben, ihre Privatsphäre im Internet kontrollieren zu können. Ein Viertel (27%) findet die Datenschutz-Sorgen übertrieben. Drei Viertel (76%) der Nutzer sind der Auffassung, dass sie nichts zu verbergen haben. Ältere Internetnutzer haben eher das Gefühl, ihre Privatsphäre online kontrollieren zu können. Gleichzeitig geben sie öfter an, sie haben nichts zu verbergen und die Besorgnis über die Privatsphäre online sei übertrieben.

Kein sicherer Ort für politische Meinungsäusserung
Das Internet ist für die Hälfte der Schweizer Bevölkerung kein sicherer Ort für politische Meinungsäusserungen. Die Hälfte (49%) der Schweizer Bevölkerung glaubt (eher) nicht, dass es im Internet sicher ist zu sagen, was man über Politik denkt. Zwei Drittel (63%) der Schweizer Bevölkerung votieren für freie Regierungskritik via Internet.

Ein Drittel (34%) der Bevölkerung unterstützt die uneingeschränkte Meinungsfreiheit im Netz, ein etwas grösserer Anteil lehnt extreme Meinungsäusserungen jedoch ab (39%). Am liberalsten zur Meinungsfreiheit im Netz positionieren sich die mittleren Altersgruppen. «Trotz zunehmendem politisch-religiösen Extremismus in den letzten Jahren ist die Einstellung der Schweizer Bevölkerung gegenüber extremen Meinungsäusserungen gleich geblieben», schliesst Michael Latzer.

Quelle: www.uzh.ch