Yangzom Brauen: «Die Schweiz braucht eine starke SRG, seriöses Fernsehen und Radio»

Samstag, 14. Januar 2017 07:28

Grosse Chance für Yangzom Brauen: «Im März drehe ich eine Episode der bekannten Prime-Time-Serie NCIS LA.» Foto: Jil La Monaca Broidy / @jilmonacabroidy


Man kennt die Berner Schauspielerin aus der SRF-Soap «Mannezimmer» oder dem Hollywood-Spielfilm «Aeon Flux». Sie machte Werbung für Volvo und Nokia, und als Schriftstellerin schrieb sie einen Bestseller – das Buch «Eisenvogel» über die Geschichte ihrer Familie. Mittlerweile stand Yangzom Brauen (37) mehrmals als Regisseurin hinter der Kamera, unter anderem beim Kinofilm «Who Killed Johnny». Nach Jahren des Pendelns zwischen Berlin, Zürich und Hollywood zog die Schweizerin mit tibetischen Wurzeln 2008 definitiv nach Los Angeles. Nun landet sie als Regisseurin einen Coup. Ein Gespräch mit «Neue Schweizer Zeitung».

Interview: Sacha Ercolani / Mitarbeit: Kevin Ercolani

Yangzom Brauen, was können die Schweizer von den Amerikanern lernen?
Mut zu mehr Smalltalk. Genau das, was an den Amerikanern oft kritisiert wird. Ein Beispiel: Auch wenn die Dame im Supermarkt keinen sehr spannenden Job hat, so lockert sie ihren Alltag mit Smalltalk auf. Wenn ich an der Kasse stehe, sagt sie «oh, da haben Sie aber einen super Kaffee gewählt» oder «was kochen Sie heute Abend?». Ein unverbindlicher Smalltalk. Es muss nicht gleich eine Freundschaft daraus entstehen.

Was ist typisch schweizerisch an Ihnen?
Meine Pünktlichkeit. Ich bin immer, wirklich immer zu früh. Selbst wenn ich probiere, zu spät zu kommen, bin ich immer noch die Erste. Ich will die Leute einfach nicht warten lassen.

Hilft Ihnen diese Eigenschaft im oberflächlichen Filmgeschäft?
Das Filmgeschäft selber ist nicht oberflächlich, sondern gut durchorganisiert. Egal welchen Job man an einem Filmset auch hat, wer zu spät kommt, fliegt. Es geht ja meist um viel Geld und Zeit kostet Geld. Und klar hilft es mir da, dass ich stets gut organisiert und pünktlich bin.

In Hollywood sind schon viele Träume geplatzt. Für Sie scheint es aber im Moment äusserst gut zu laufen.
Ja im Moment läuft es super. Der Sender CBS hat mir eine grosse Chance gegeben: Im März drehe ich eine Episode der bekannten Prime-Time-Serie NCIS LA. Mit einem Budget von etwas über 2,5 Millionen Dollar entstehen rund 45 Minuten Film. Sieben Tage dauert die Vorproduktion und acht Tage der eigentliche Dreh.

Für Schweizer Verhältnisse ist das ein enormes Budget, wie gehen Sie mit dem Erwartungsdruck um?
Ich bin schon nervös, aber freue mich auch enorm. Klar ist, die Episode muss super werden, sonst bin ich abgeschrieben und drehe wohl nie wieder für CBS. Das Team arbeitet ja schon seit neun Staffeln zusammen und ich habe die Leute alle zum Glück schon kennengelernt und weiss, was mich erwartet.

Wie bereiten Sie sich vor?
Die ganze Vorbereitung ist für mich sehr wichtig: Ich bin gerade daran, alle Episoden anzuschauen, die Charakteren zu studieren und alle Namen auswendig zu lernen – wenn es losgeht, will ich sattelfest sein.

Wie kommt eine Bernerin mit tibetischen Wurzeln an einen solchen Auftrag?
Das war ein langer Weg, auf dem ich viele Menschen kennenlernte und durch meine Hartnäckigkeit Meetings mit Entscheidungsträgern erzwang. Man darf nicht aufdringlich sein, aber ohne intelligente Hartnäckigkeit erreicht man hier nichts. Und natürlich habe ich nun auch etwas Glück: Die Verantwortlichen bei CBS wissen, dass ich noch nicht grosse Erfahrungen habe, aber sie mögen meine bisherige Arbeit als Regisseurin. Sie geben mir eine Chance.

Was kaufen Sie sich mit Ihrer ersten grossen Gage als Regisseurin?
Geld war nie eine Motivation für mich. Sonst wäre ich ins nahegelegene Silicon Valley gezogen und hätte einen anderen Beruf gewählt. Klar muss auch ich überleben und meine Rechnungen bezahlen. Film ist meine Leidenschaft, hier kann ich meinen Traum leben – und bisher auch ganz gut meinen Lebensunterhalt damit bestreiten.

Obwohl Sie schon einige Filmprojekte realisierten, erhielten Sie in der Schweiz nie eine solche Chance.
Leider noch nicht. Und genau das gefällt mir an Amerika, speziell auch an Los Angeles. Wer durch seine Arbeit beweisen kann, was er oder sie drauf hat, dann ist es egal welche Diplome oder Abschlüsse man vorweisen kann. Selbst als Quereinsteiger kann man es bis ganz nach oben schaffen. Mit Leidenschaft, Einsatz und Professionalität ist hier alles möglich. Vielleicht darf ich dann auch mal bei einer TV-Serie in der Schweiz Regie führen.

Berichten aus Hollywood über sexuelle Übergriffe haben sich Millionen von Frauen angeschlossen. Der Hashtag #metoo bewirkt viel. Haben Sie auch schlechte Erfahrungen gemacht?
Nein, zum Glück nie. Im Teenager-Alter als ich neben der Schauspielausbildung modelte und auf Fotoshootings musste, waren immer entweder meine Grossmutter oder Mutter dabei. Klar war das manchmal nervig, doch rückblickend bin ich sehr dankbar. Und man darf nicht vergessen, damals gab es noch keine Handys.

Sind Frauen in der Filmindustrie benachteiligt?
Ja und zwar noch immer sehr deutlich. Wir verdienen in allen Sparten viel weniger und sind weniger besetzt. Laut einer US-Statistik von 2017 sind es lediglich 32 % Frauen in den Hauptrollen. Hinter der Kamera sind es sogar nur 28 %. Davon sind 17 % der Regisseure Frauen und es gibt nur 3 %, die als Kamerafrauen eingesetzt werden. Eigentlich sollte das kein Thema mehr sein. Man muss die Menschen nach ihrem Können bewerten und nicht nach ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht oder ihren privaten Vorlieben. Darauf arbeiten wir Frauen hin.

Was halten Sie davon, dass man Kevin Spacey wegen seinen privaten Entgleisungen nun in der Branche derart verachtet?
In den 80er Jahren war das normal, niemand getraute sich was zu sagen. Heute wird das zum Glück jedoch nicht mehr akzeptiert. Ich glaube, als Donald Trump während dem Wahlkampf seinen Sexskandal unter den Tisch wischte, hat sich hier etwas in der Wahrnehmung verändert. Die Menschen sehen vermehrt hin und decken Lügengebilde schonungslos auf.

Dann würden Sie also Spacey nicht zu einem Comeback verhelfen.
Nein. Ich arbeite gerne mit angenehmen Leuten zusammen. Schauspieler mit Integrität.

Welcher Schauspielerin oder welchem Schauspieler würden Sie gerne einmal Regieanweisungen geben?
Frances McDormand. Sie ist eine faszinierende Schauspielerin mit vielen Facetten.

Wollen Sie künftig nun vor allem Schauspielerin, Schriftstellerin oder Regisseurin sein?
Egal in welcher Funktion, ich möchte vor allem gute Geschichten erzählen und das Medium Film gibt mir diese Plattform, ob vor oder hinter der Kamera.

Welches Genre hat es Ihnen besonders angetan?
Ich liebe Dramas. Aber so wie bei der Musik, bin ich offen für alle Genres und sehe ein Projekt in erster Linie als Herausforderung.

Was macht einen guten Film aus?
Ein guter Film braucht ein gutes Drehbuch, also ein gutes Fundament. Geschriebenes in Bilder umsetzten ist ein nächster wichtiger Schrift – ein monatelanger kreativer Prozess, der die Zusammenarbeit verschiedener Abteilungen, also vom Schauspieler bis hin zum Tontechniker, erfordert. Zusammen und nicht gegen einander arbeiten, das wirkt sich auf das Endprodukt aus.

Haben Sie einen Lieblingsfilm?
Ach, da gibt es so viele. Aber «Der Pate», vor allem Teil 1 und 2, weckt bei mir grosse Emotionen.

Wie beurteilen Sie von der Ferne die aktuellen Schweizer Serien- und Filmproduktionen?
Letztes Jahr spielte ich beim Bestatter unter der Regie von Katalin Gödrös mit und ich muss sagen, die Serie ist eine qualitativ sehr hochstehende Produktion. Mike Müller und Barbara Terpoorten sind einfach super. Auch der Schweizer Film «Die göttliche Ordnung». Petra Volpe, ist äusserst gut gemacht und steht internationalen Produktionen nichts nach.

Hier laufen derzeit hitzige Debatten über die No-Billag-Abstimmung vom 4. März. Stimmen Sie auch ab?
Als Auslandschweizerin schickt man mir die Abstimmungsformulare immer zu. Und klar werde ich Nein zu dieser irrsinnigen Initiative sagen. Ich kann nicht verstehen, dass man das Ganze überhaupt in Frage stellt. Die Schweiz braucht eine starke SRG, seriöses Fernsehen und Radio. Sonst wird es wie hier in Amerika, wo es kaum mehr eine ernstzunehmende vertiefende Berichterstattung gibt. Die Folge sind seichte, parteiische und oft reisserische Sendungen. Ist dies etwas für vernünftige, verantwortungsvolle Schweizer? Deswegen hoffe ich, dass wir alle nein stimmen werden.

Wie lebt es sich in den USA mit Donald Trump als Präsident?
Ich kann es kaum mehr lesen und habe mich daran gewöhnt, dass er keine Ahnung hat und nicht an die langfristigen Konsequenzen denkt. Trotzdem hoffe ich, dass er noch während seiner Amtszeit abgesetzt wird, denn Trump ist genau so verrückt wie der Präsident von Nordkorea.

Nun leben Sie schon 10 Jahre in Los Angeles, wann kehren Sie zurück?
Für mich als Filmemacherin bietet mir die Stadt am meisten Möglichkeiten mich zu verwirklichen. Los Angeles inspiriert mich täglich neu und bietet mir so viel an Kultur und mehr – hier bin ich glücklich.

Für ihren Kurzfilm «Born in Battle» hat Yangzom Brauen einen Preis der UNO-Kulturorganisation UNESCO erhalten.

Yangzom Brauen ist die Tochter des Schweizer Ethnologen Martin Brauen und der tibetischen Künstlerin Sonam Dolma – und ist in Münchwilen und Bern aufgewachsen. Foto: Jil La Monaca Broidy / @jilmonacabroidy