Überlebenskünstler Tesla

Von Roland Winkler


Samstag, 30. November 2019 07:24

Die Firma hat eben doch eine unglaubliche Agilität und Flexibilität und versteht es immer noch, die Kunden sowie die Öffentlichkeit meist positiv zu überraschen. Bild: Tesla.com


Nach ziemlich desaströsen Monaten, als viele Kommentatoren bereits den Abgesang auf Tesla angestimmt hatten, hat sich die US-Firma als Leader von Elektrofahrzeugen sukzessive von den negativen Schlagzeilen freigekämpft und ist erstaunlich schnell wieder auf die Erfolgsstrasse zurückgekehrt.

Die Firma hat eben doch eine unglaubliche Agilität und Flexibilität und versteht es immer noch, die Kunden sowie die Öffentlichkeit meist positiv zu überraschen. Nachdem Elon Musk die gravierenden Produktionsproblemen beim Model 3 nur mit einem gewaltigen Kraftakt meistern konnte, hat er in einem Interview vom 26. November 2018 zugegeben, dass Tesla nur wenige Wochen von der Pleite entfernt war.

Tesla Model 3. Bild: Tesla.

Als ob dies noch nicht genug war, durchlebt Tesla auch im laufenden Jahr 2019 ein wahrhaftes Wechselbad der Gefühle. Nebst obskuren Twitter-Meldungen von Elan Musk, seinen Beziehungseskapaden mit der Schauspielerin Amber Heard (ex-Frau von Johnny Depp) und neuerdings mit der Sängerin Claire Boucher, besser bekannt unter dem Namen Grimes, und seinem Fight mit der Börsenaufsicht SEC geht der Aktienkurs wie bei einer Berg-und-Tal-Bahn im Europapark Rust rauf und runter.

Zusätzlich Oel ins Feuer werfen Aussagen von namhaften ehemaligen Automobilmanagern.
Der Amerika-Schweizer Bob Lutz, ehemalige Nummer zwei bei Chrysler und Entwicklungschef bei GM, erwähnte in einem Interview vom 11. Juli 2019, dass er Elon Musk zwar für einen genialen Konstrukteur halte. Darüber hinaus habe er aber die Produktion nicht im Griff, verbrenne zuviel Geld, und seine Firma Tesla werde deshalb innerhalb von wenigen Monaten in Konkurs gehen. Er, Lutz, habe noch nie erlebt, dass ein Automobilhersteller, der seit mehreren Jahren nur rote Zahlen in diesem Ausmass schreibe, eine solche Entwicklung lange überlebe.

In einem Interview vom 24. Juli 2019 mit ntv, einem deutschen Nachrichtensender, meldete sich der ehemalige BMW-Manager und heutige Mobilitätspublizist Helmut Becker mit ähnlichen Worten. Becker ist bekannt für pointierte und harte Aussagen, die er auch bezüglich Tesla machte. “Tesla hat keine Überlebenschance”, meinte er.

Dies sieht er auch an den Meldungen, dass entscheidende Schlüsselpersonen aus dem Tesla-Topmanagement die Firma in den letzten Wochen und Monaten verlassen haben. Zudem hält er das Geschäftsmodell von Tesla als marode an: “Tesla ist zu klein und bewegt zu wenig Volumen“, sagt Becker. Dazu habe das Unternehmen zu große und fixe Struktur-kosten, um mit den großen Automobilherstellern in der Branche mithalten zu können. Er gibt Tesla nur noch wenige Monate bis zum Kollaps.

Deshalb und aus weiteren Gründen rufen diverse Börsenanalysten und Fondsmanager dazu auf, bei Tesla auf einen stark fallenden Aktienkurs zu setzen um damit viel Geld zu verdienen. Ist es aber nicht trotzdem zu früh, um bereits das Totenglöcklein zu läuten? Immerhin hat Elon Musk angekündigt, dass Tesla von Januar bis Ende 2019 mehr als 360’000 Fahrzeuge produzieren und ausliefern will.

Was hält denn Tesla trotz all dieser Hiobsbotschaften und negativen Kritiken weiter am Leben?
Wer genauer hinschaut, entdeckt trotz allem entscheidende Gründe für das Weiterbestehen von Tesla, was auch der weiterhin hartnäckige Support seiner Fans, Kunden und immer noch vielen wohlwollenden Journalisten und Börsenanalysten untermauert.

Hier eine Auflistung von Gründen für den bisherigen Tesla-Erfolg:
• Grosse Fangemeinde mit erstaunlich grosser Toleranz gegenüber mangelnder Qualität
• Image (ein bisschen Robin Hood)
• Marketing (Präsentation von überraschenden Prototypen und Modellneuheiten (z.B. neue Features), spektakuläre Aktionen (z.B. Tesla Spider mit Rakete ins Weltall schiessen)
• Wirkungsvolle Kommunikation (gegenüber Kunden, Fans, Politik, Medien)
• Hohe Bewertung an der Börse (Tesla gilt mindestens ebenso als IT-Unternehmen), wohlwollende Börsenanalysten
• Rasche Entwicklungszeiten, hochmotiviertes Entwicklungsteam (Stolz, spannende Aufgaben)
• Marktkenntnisse, gutes Gespür für Kundenbedürfnisse
• globale Präsenz und seit mehreren Jahren weltweites Netz an Tesla-eigenen Schnell-ladestationen
• Vertikale Fertigung / geringe Abhängigkeit von Batterielieferanten, Fertigungserfahrung (Batterieproduktion, Kooperation mit Panasonic), Tesla kann auch andere Fahrzeughersteller beliefern
• Know-How und Fertigung von Photovoltaik-Zellensystemen und Heimladestationen
• Fertigungsstätten in USA, Europa und seit kurzem auch China, Option auf neues Werk in Europa angekündigt
• Schlanke Vertriebsorganisation
• Geschäftsmodell (u.a. käufliche SW-Updates over the air)
• Erfahrung beim teilautonomen Fahren, raffinierter Algorithmus
• Grosser Datenpool, attraktive datenbasierte SW-/HW-Architektur
• Hocheffizientes Antriebssystem

Die Risiken von Tesla sind:
• Geringe Profitabilität, massive Schuldenlast
• Volatiler Börsenkurs, sensibel für positive und negative Schlagzeilen
• Mässige Verarbeitung, anfällig für Defekte
• Ersatzteilhandling mit langen Lieferzeiten
• Auslaufende staatliche finanzielle Anreize für Elektrofahrzeuge
• Zunehmende vollelektrische Fahrzeuge anderer Hersteller erhältlich
• Abhängigkeit von China (Vor-Ort-Produktion, wirtschaftliche Entwicklung, Zollpolitik)
• Abhängigkeit von Elan Musk, teilweise exzentrisches Verhalten (z.B. Twitter-Meldungen)

Es gibt also sowohl Licht als auch Schatten bei Tesla und seinem CEO Elon Musk.
Die Story geht weiter, und es wird spannend sein, wie die Aufholjagd der arrivierten Automobilhersteller im Elektrofahrzeugbereich ausfallen wird. Erst ein direkter Vergleich von ähnlich positionierten und preislich verfügbaren Personenwagen wird zeigen, was wirklich in den Tesla Modellen steckt und ob die anderen Hersteller sich das anerkannte Knowhow von Tesla in kurzer Zeit aneignen oder die Firma sogar überholen können.

Tesla hat aber bereits vorgesorgt und diverse neue Modelle angekündigt:
• Model Y (basierend auf Model 3, aber mit SUV-Charakter; Prototyp wurde schon gezeigt, bereits mit Anzahlung von USD 2’500.00 reservierbar; siehe Bild)
• Model Roadster (Hochleistungssportwagen, Prototyp wurde schon 16.11.2017 von Elon Musk gezeigt, mit zweistufiger Anzahlung von CHF 5’000.00 sowie CHF 45’000.00 innerhalb von weiteren 10 Tagen bestellbar: totaler Kaufpreis: CHF 200’000.00; siehe Bild)
• Model Cybertruck (exzentrischer Pick-Up, Prototyp wurde schon gezeigt, siehe Bild)
• Tesla SemiTruck (Prototyp wurde am 25. November 2019 schon gezeigt, siehe Bild)

Noch nicht angekündigt, aber vermutlich schon in Entwicklung sind:
• Model S (Nachfolgemodell; aktuelles Modell wurde erstmals 2012 ausgeliefert, wird wahrscheinlich 2020 oder spätestens 2021 als seriennaher Prototyp vorgestellt werden)
• Model Y (Nachfolgemodell; aktuelles Modell wurde erstmals 2015 ausgeliefert)