«Ich bin mutiger geworden und lasse Gefühle zu»

Donnerstag, 28. Dezember 2017 09:15

Regula Mühlemann war schon an vielen der wichtigsten Opern- und Konzerthäusern der Welt zu hören. Foto: Henning Ross, Sony Classical.


Regula Mühlemann (32) begeistert das internationale Opernpublikum – sie gehört zu den bekanntesten Schweizer Sopranistinnen unserer Zeit. Ein Gespräch mit «Neue Schweizer Zeitung».

Interview: Sacha Ercolani / Mitarbeit: Kevin Ercolani

Wie sind Sie heute aufgewacht, Frau Mühlemann?
Zur Melodie von Et incarnatus est aus Mozarts c-Moll-Messe. Sie läuft mir heute den ganzen Tag im Kopf, nachdem ich das Stück gestern Abend am Konzert sang.

Wozu brauchen wir Musik?
Mit der Musik schaffen wir magische Zaubermomente, in denen wir der Realität entfliehen. Das erfahre ich beim Singen und dem gelegentlichen Konzertbesuch. Ob es mir gut oder schlecht geht, die Geschichte einer Klangwelt lässt mich gedanklich in neue Sphären eintauchen – da bin ich ganz bei mir selber und weit weg vom Stress des Alltags.

Vor wenigen Jahren waren Sie als Sopranistin ein Geheimtipp.
Es ist wunderbar, was ich innert kürzester Zeit habe erfahren dürfen. Ich bin mit authentischer Begeisterung, Leidenschaft und Freude bei der Arbeit. Alleine mit Ehrgeiz bei der Sache zu sein, reicht nicht, um wirklich weit zu kommen.

Sind Sie eine Schweizer Botschafterin der klassischen Musik?
Ich trage mit diesem Beruf eine gewisse Verantwortung. Heute ist es nicht selbstverständlich, dass Menschen zum Konzert in die Oper gehen. Ich möchte den Beruf und das Genre möglichst schmackhaft machen. Es ist mir ein persönliches Anliegen, das Publikum die Schönheit dieser Art von Musik spüren zu lassen.

Was opfern Sie Ihrer Karriere?
Es sind stets kleine Entbehrungen: Bereits am Gymnasium musste ich ab und zu bei einer Party passen. Inzwischen sind es Hochzeiten und auch Geburtstage von Freunden, die ich verpasse.

Sie bewegen sich im Barock, der Klassik und der Frühromantik. Wie wichtig ist Repertoire?
Ein breites Repertoire hilft, geistig und stimmlich flexibel zu bleiben. Dabei darf man sich aber nicht überfordern, denn ausserhalb der Grenzlinie wird es schnell gefährlich für die Stimme. Darum ist es wichtig, sich gut einschätzen zu können. In der Klassik fühle ich mich pudelwohl. Und im Barock gehe ich stimmlich einen nächsten Schritt – da wird allgemein tiefer in die Extreme fortgedrungen.

Ist Ihre Stimme ein Geschenk?
Sie ist mir ein Geschenk und eine Aufgabe. Es lohnt sich, dem Instrument gut Sorge zu tragen. So meide ich rauchige Räume und hüte mich vor Erkältungen. Rotwein liegt mir ebenfalls schwer auf der Stimme, den lasse ich am Vortag vor Konzerten sein.

Operninszenierungen liegen heute meist in den Händen von Regisseuren, die vom Theater kommen und nicht zwingend Musikspezialisten sind. Stört Sie das?
Das bringt äusserst spannende Aspekte in die Oper. Die Inszenierung kann teilweise Gefahr laufen, theatralisch zu wirken – auch wenn wir uns grosse Mühe geben, so sind wir keine Schauspielprofis. Ich hatte bisher grosses Glück, mit ausgezeichneten Regisseuren arbeiten zu können.

Fühlen Sie sich gelegentlich zerrissen zwischen Ihrer öffentlichen Rolle und der privaten?
Ich spüre die Präsenz von Regula auf der Bühne immer stärker. Wobei es bei der Oper ein anderes Thema ist. Da schlüpfe ich in eine Rolle und lasse mich bestmöglich in ihr fallen. Von Jahr zu Jahr bin ich gelassener und der Rollenwechsel wird entspannter. Zu Hause schätze ich mich glücklich, wenn ich mit Freunden und Familie nicht über meinen Beruf spreche. Es ist wichtig, dass die Rollen einen gemässigten Einfluss auf das Privatleben nehmen.

Dann sind Sie vor Auftritten gar nicht nervös?
Zu Beginn eines jeden Auftritts ist Nervosität mit im Spiel. Die Zeiten, wo mich das zu sehr eingeschüchtert hat, sind aber zum Glück vorbei. Ich bin mutiger geworden, lasse Gefühle zu und gehe einfach mit meinen Emotionen mit.

Pavarotti sagte, er hätte überall auf der Welt wie zuhause in Italien gelebt. Wegen seiner Stimme.
Die Vorzüge meines Berufs sind es, in andere Sprachwelten einzutauchen, neues Essen zu kosten und die schönen Seiten einer Stadt zu entdecken. Das geniesst meine Stimme.

Der Erwartungsdruck des Publikums ist gross.
Das Publikum bringt sehr viel Wohlwollen und positive Energie mit. Als ich einmal kurz vor meinem Konzert etwas essen wollte, ging ich zum Restaurant um die Ecke. Ein Teil des Publikums genoss das Abendessen um mich herum. Sie erkannten mich nicht und ich ging mit dem Strom von Menschen zum Konzert. Es war ein prägendes Erlebnis zu sehen, dass sie voller Vorfreude waren. Meine Aufgabe ist es, dem Publikum Spass zu bereiten. Diese Erkenntnis hat mir zu einer neuen Entspanntheit verholfen.

Müssen Sängerinnen und Sänger heute besser aussehen, um Erfolg zu haben?
Aussehen ist in der Oper wichtiger geworden. Dabei geht es vor allem um die Glaubwürdigkeit. Früher war man auf der Bühne nicht so agil: Man stand da und alles diente dem Wohllaut. Heute sind wir körperlicher und visueller, wollen Rollen glaubhafter dargestellt haben. Da gehört das Äussere dazu.

Das Auge soll genauso befriedigt werden wie das Ohr.
Es geht um Ausstrahlung und Authentizität. Künstler, die ihre Gedanken ernsthaft in die Musik transportieren, sind erfolgreicher.

Was ist Ihre Passion, ausser der Musik?
Ich liebe Reisen und Sprachen, ich liebe Architektur, Kunst und ich interessiere mich sehr für die Dinge, welche die Musik beeinflusst haben und beeinflussen. All diese Interessen kann ich durch meinen Beruf sehr gut befriedigen. Auch Mode mag ich und vor allem liebe ich es, mit Freunden und der Familie zusammen zu sein. Gut essen, gut trinken und kochen sind meine Leidenschaften.

Was kochen Sie am liebsten?
Die italienische Küche mag ich sehr. Das hat etwas sehr Leidenschaftliches. Ich arbeite oft in Italien und da ist so viel Inspiration und Lebensfreude – und alles dreht sich nur ums Essen. Kein Wunder, kommen in Italien oft die herrlichsten Gerichte auf den Tisch.

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
Ich habe gerade in Neapel die Bücher von Elena Ferrante gelesen. Die Geschichte spielt in Neapel und ich finde es wunderbar, wenn ich an einem Ort bin und durch die Literatur tiefer in das Leben vor Ort eintauchen kann.


Über Regula Mühlemann

Regula Mühlemann war schon an vielen der wichtigsten Opern- und Konzerthäusern der Welt zu hören, darunter unter anderem die Accademia Nazionale di Santa Cecilia, die Nederlandse Opera, die Opéra national de Paris, die Berliner Staatsoper, das Theater an der Wien, das Teatro Regio in Turin, die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles oder die Festivals in Verbier und Luzern.

Auf ihrer jüngsten CD erforscht sie die historische Figur der Cleopatra - und begeistert Gesangsfans mit punktgenauer Ausdeutung der unterschiedlichen Rollen-Porträts von Komponisten wie Georg Friedrich Händel, Carl Heinrich Graun oder Antonio Sartorio. Regula Mühlemann lebt mit ihrem Freund in der Luzerner Neustadt.

www.regulamuehlemann.com


ZDF Adventskonzert 2016 in der Frauenkirche Dresden. Dirigent Andrés Orozco-Estrada.

Auf ihrer CD «Cleopatra Baroque Arias» erforscht sie die historische Figur der Cleopatra. Foto: Martin Förster, Sony Classical.

«Mit der Musik schaffen wir magische Zaubermomente, in denen wir der Realität entfliehen.» Foto: Shirley Suarez-Padilla