Marc Streit: «Kunst soll mich bewegen, aufrütteln und Dinge erfahrbar machen»

Montag, 20. Mrz 2017 09:16

Marc Streit ist der stellvertretende künstlerische Leiter am Tanzhaus Zürich und arbeitet als freischaffender Kurator. Foto: HO


Vor acht Jahren gründete der Schweizer Kulturschaffende Marc Streit (40) «zürich moves!», das Festival für zeitgenössische Praktiken in der darstellenden Kunst. Vom 19. bis 25. März 2018 findet bereits die siebte Ausgabe statt, dies in Koproduktion mit dem Tanzhaus Zürich und dem Migros Museum für Gegenwartskunst. Streit, der in Zürich lebt und seit ein paar Jahren vermehrt Zeit in Los Angeles verbringt, ist der stellvertretende künstlerische Leiter am Tanzhaus Zürich und arbeitet als freischaffender Kurator. Seine Rolle als Kurator definiert er als Gastgeber, Organisator, Produzent und Vermittler. Durch zahlreiche Projekte, die auch im Ausland eine entsprechende Ausstrahlung erlangten, konnte Marc Streit sich und «zürich moves!» über die Landesgrenze hinaus positionieren. Hybride Formen der zeitgenössischen Bühnenkunst stehen in seinem Hauptfokus. Ein Gespräch mit «Neue Schweizer Zeitung».

Interview: Sacha Ercolani

Herr Streit, warum braucht es «zürich moves!»?
Weil es als einziges Festival in Zürich Künstler und Institutionen aus verschiedenen Bereichen verbindet und in erster Linie Künstler gegenüberstellt, welche widersprüchlich aufeinandertreffen und dadurch einen Dialog initiieren. Das Festival konnte in seinem siebenjährigen Bestehen eine Vielzahl von Kunstschaffenden aus dem In- und Ausland vernetzten und bietet sowohl dem Nachwuchs als auch renommierten Künstlern eine äusserst spannende Plattform.

Ist die Veranstaltung also eine Art Netzwerk für Künstler?
Zu einem gewissen Teil absolut, und dies für Internationale und Nationale. Daraus haben sich schon mehrere nachhaltige Kolborationen weit über die Landesgrenze hinaus ergeben. «zürich moves!» holt die Welt nach Zürich und bringt die lokalen Künstler in die Welt. Ebenso werden während dem Festival Themen und Ästhetiken verhandelt, die besonders in der privilegierten Schweiz einen wichtigen Dialog fördern. Somit werden neue Perspektiven aufgezeigt und nach Alternativen gesucht.

Kann man Ihr Festival mit der Art Basel vergleichen?
In keiner Weise. Die Art Basel ist eine Kunstmesse und bietet Galerien die Möglichkeit, sich gegenüber Sammlern, Museen und Kuratoren zu präsentieren. Die Art Basel wird als wichtigste Weltmesse des internationalen modernen und zeitgenössischen Kunstmarktes bezeichnet. «zürich moves!» könnte aber durchaus ein Format für zeitgenössische Performance innerhalb des Grossanlasses darstellen.

Es scheint, dass vom Publikum viel erwartet wird.
Und genau diese Herausforderung mag ich. Das Festival sucht stets nach neuen Formaten und widmet sich jedes Jahr einem neuen Diskurs. Wir richten uns an Kulturinteressierte aller Couleurs, Tanzbegeisterte, professionelle Performer und Tanzschaffende. Neben dem Stammpublikum formiert sich bei jeder Festivalausgabe immer wieder eine neue Publikumsgruppe, abhängig von der jeweiligen Thematik. «zürich moves!» wird auch in diesem Jahr wieder von einem Vermittlungsformat begleitet. Dabei geht es hauptsächlich um die Auseinandersetzung mit dem Themenschwerpunkt und den Arbeitsweisen der jeweiligen Künstler sowie das Verständnis von zeitgenössischer Performance und Tanz zu fördern. Die Veranstaltungen im Rahmen des Vermittlungsformates sind öffentlich, kostenlos und für alle zugänglich.

Welches sind die Highlights in diesem Jahr?
Das Festival setzt sich mit der momentanen soziopolitischen Situation und den Realitäten in der aktuellen politischen Umgebung auseinander. Dabei interessiert mich als künstlerischer Leiter hauptsächlich, welche (neuen) Formen von Gemeinschaft diese Realität hervorbringt. In der darstellenden Kunst ergeben sich daraus neue Mittel und Strategien, welche diese Spuren abbilden und durch den Körper veräussern.

Sprechen Sie damit nicht eher eine Randgruppe an?
Solidarisierung und Konstruktion kollektiver Identität sind ein allgegenwärtiges Thema und betreffen uns alle. In der zeitgenössischen Performance erleben wir ständig neue, hybride Formen, welche das Verständnis einer Gemeinschaft neu definieren können und das Hier und Jetzt neu erlebbar machen. Ganz besonders in Zeiten von Angst und Bedrohung ist das Suggerieren von kollektivem Vertrauen von grosser Bedeutung.

Wo auf der Welt finden Sie die spannendsten Künstler?
Ich glaube es kommt stark auf den Kontext und die Dringlichkeit einer Arbeit an. Ich verfolge seit langer Zeit Künstler aus der ganzen Welt. Die unterschiedlichen Perspektiven und deren Realitäten machen Dinge erfahrbar und erzählen Geschichten. Besonders in einer derart mobilen Gesellschaft, wo viele von uns an mehreren Orten zu Hause sind, wäre es falsch hier einen einzigen Ort zu nennen.

Einst war New York eine Hochburg.
New York ist immer noch eine wichtige Drehscheibe vor allem im zeitgenössischen Kunstmarkt. Wie gesagt, zeitgenössische Kunstschaffende sind oft Nomaden und kaum nur an einem Ort beheimatet. Jede Umgebung schafft einen einzigartigen Moment und nährt das künstlerische Schaffen entsprechend. Identitätspolitik und Kultur definieren sich dadurch immer neu und bieten einen spannenden Nährboden.

Welche Kunst ist die Kunst der Zukunft?
Ich wünsche mir, dass sich die Genregrenzen immer mehr verwischen und wir nicht mehr zwingend von einzelnen Sparten sprechen. Tanz und Performance ist aber definitiv ganz oben im Rennen, da es um ein Erlebnis, eine emotionale Auseinandersetzung geht. Die Bereicherung liegt für mich in der Diversität und der Herausforderung, dieser offen, tolerant und respektvoll zu begegnen.
Ich hoffe, es entwickeln sich zahlreiche künstlerische Praktiken, die im Moment für uns noch undenkbar sind und noch niemand kennt.

Was bedeutet für Sie denn zeitgenössische Kunst?
Ich möchte mich hier auf die zeitgenössische Performance beziehen, die ein Ort des kollektiven Vertrauens darstellt, ein Raum in dem wir Gemeinschaft leben, Interessen teilen und Kritik anbringen können und dürfen.

Was soll Kunst?
Kunst soll die Kommunikation und den Austausch fördern. Ich liebe Menschen und die Arbeit mit unterschiedlichen Leuten. Besonders in der darstellenden Kunst, wo es um das Live-Erlebnis geht, stellt für mich eine wunderbare Herausforderung und Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Umwelt dar. Kunst soll mich bewegen, aufrütteln und Dinge erfahrbar machen. Gerne darf ich mich auch verlieren oder verloren fühlen in der Kunst, oft sind genau diese Momente eine Bereicherung für das Leben.

Was darf Kunst nicht?
Verboten und staatlich kontrolliert werden.


Künstlerinnen und Künstler am «zürich moves!» 2018
Fréderic Gies (F/Schweden), Jaamil Olawale Kosoko (USA), Luciana Lara (Brasilien), Annina Machaz (CH), PRICE (CH), Jen Rosenblit & Geo Wyeth (USA), Kuan-Ling Tsai (Taiwan/CH), Julian Weber (Deutschland), Arkadi Zaides (Israel), Robert Steinberger (D/CH) und Alex Baczynski-Jenkins (PL/UK).

Mehr Infos & Programm: www.zurichmoves.com


Grafik von Nicolas Schaltegger.