Tashi Brauen mit minimalistischen Gesten

Von NSZ Redaktion


Donnerstag, 11. Januar 2018 11:05

Aus der Ausstellung «Hold on to that paper». Foto: Tashi Brauen


Weiss. Der Ausstellungsraum ist gefüllt mit einer Fläche. Sie ist nicht aus Papier.


In der Ausstellung «Hold on to that paper» (Eröffnung: Samstag, 20. Januar, 18 Uhr 21. Januar – 3. März 2018) in den Räumlichkeiten des Counter Space, der letzten an diesem Ort, betont Tashi Brauen mit minimalistischen Gesten den Raum, er gibt ihm eine Stimme: der Raum wird zum Gegenüber.


Auch der Betrachter ist einbezogen in diesen Dialog. Die weisse Fläche zieht sich zusammen, schlägt Falten und stülpt dem Betrachter entgegen. Tashi Brauens künstlerische Praxis gleicht einer Wellenbewegung zwischen zweiter und dritter Dimension. Er spielt mit angetäuschten Volumen, Massstäben, Dimensionen – und mit unseren Erwartungen.

«Wir arbeiten mit den Grössen der Mathematik und der Wissenschaft, das heisst: mit den Mitteln des Denkens», konstatiert Theo van Doesburg in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.
Er beschreibt damit die Haltung konkreter Künstler. Sie hat etwas mit Brauens Haltung gemeinsam: In beiden Fällen geht es um die Sinnlichkeit der Geometrie, um die Kraft der Farbe, um Wahrnehmungsprozesse und -gewohnheiten.

Doch während sich die konkrete Kunst der mathematisch-rationalen Vergeistigung verschreibt, also die eine Richtung linear verfolgt, verschreibt sich Tashi Brauen ganz dem Hin und Her: einem Pendeln zwischen Material und Denken, Erkennen und Täuschen, aus dem Raum in die Fläche – hin –, aus der Fläche auf den Betrachter zu – her.

Das Hin ist häufig die Fotografie. Gegenstände enthüllen ihre räumliche Ausdehnung als optische Illusion. Buchstützen, Terrassenstühle, Tischkarten erscheinen als schwebende geo- metrische Formen im schwarzen schwerkraftlosen Raum der Studiofotografie: massstabslose serielle Module. Das Her ist die Falte. Per Definition Flaches dehnt sich in den Raum aus: Oberflächen lösen sich aus der Ebene, falten und entfalten sich.
Blau.

Aus der Ausstellung «Bending forms», Ronewa Art Gallery, Berlin 2017. Foto: Jeremy Knowles

Die zweite raumfüllende farbige Fläche ist aus Papier, überraschenderweise. Plane, Plastik oder Blech scheinen wahrscheinlicher. Hier verbinden sich skulpturale Arbeitsprozesse mit malerischen. Farbe umschliesst das Papier auf allen Seiten. Seine Materialeigenschaften sind radikal verändert, es war einmal Hintergrund, ein Fotohintergrund für Studio-Aufnahmen.

Die Farbe gibt ihm Elastizität: sie befreit es vom Dasein in unberührter Glätte und der Endgültigkeit der Falte. Der Vorgang des Faltens und Entfaltens scheint sich hier ins Zeitlose zu verlängern. Er bringt noch anderes mit sich, Verletzungen, feine Brüche und Risse durchziehen die auf den ersten Blick unversehrte Oberfläche. Die Ausstellung könnte auch heissen: Brüche zeigen. Brüche vor Hintergrund.

Mehr Infos: www.tashibrauen.com

Tashi Brauen. Foto: HO